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Gedicht des Monats im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg:

zum Konzept unserer Rubrik "Gedicht des Monats

Gedicht des Monats | Dezember 2009

Charlotte Ueckert: "Nebel"


Kulturtipps von Uli Rothfuss im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg_Charlotte Ueckert

Charlotte Ueckert:

Nebel

Bauminseln sind Nester
am Boden, nach denen Vögel
vergeblich schreien

Der Nebel hängt
jedes Mal ein Tropfen am Ende
der nicht vom Zweig fällt

Ganz nah muss ich gehen
um den See zu erkennen
das Nest der Fische

Durch atembeschwerliche
Zwischenwelt, bestimmt
von der Krähen Heiserkeit

Vom Steilufer aus
suche ich angestrengt
nach Fußspuren

(Aus: Charlotte Ueckert: Kein Horizont zu weit, Gedichte, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 1991/1995)


Die Autorin:
Charlotte Ueckert, geb. 1944 in Oldenburg i.O., Ausbildung zur Bibliothekarin, Studium der Psychologie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Hamburg, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Autorin in Hamburg. Sie ist Herausgeberin mehrerer Anthologien und veröffentlichte Lyrik und Kurzprosa sowie die großen Biografien über Niki de Saint Phalle und Paula Modersohn-Becker, stellvertretende Vorsitzende der Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE und Mitglied im Internationalen PEN.


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Begründung:

Was bleibt zu sagen über den „Nebel“ nach Hesses berühmtem Gedicht „Im Nebel wandern“ … was, um Charlotte Ueckerts Gedicht zu „interpretieren“ (und: wie könnte mir das überhaupt in den Sinn kommen …); ein Gedicht, das mich erinnert, an so vieles (der „Tropfen am Ende“, der mich seit Kindheit fasziniert, „der nicht vom Zweig fällt“, nur ein augenfälliges Beispiel); jedes Gedicht hat etwas, das ganz in sein Zentrum weist, einen Vers, eine Strophe, ein Wort manchmal nur, die aufhorchen lassen, die kaum mehr Atemholen lassen, so tief treffen sie mich; hier: „Durch atembeschwerliche/ Zwischenwelt …“, und dann kommt’s: „bestimmt/ von der Krähen Heiserkeit“ – was, frage ich mich, macht die Krähen heiser: der Nebel, die Jahreszeit, oder das Überraschende, das, was sie eben auch kaum mehr aussprechen lässt, was passiert … ?

„Bestimmt/ von der Krähen Heiserkeit“ … und das Suchen, das angestrengte, nach Fußspuren. Dieses sich Verlieren, dieses Aufgehen in Landschaft ist es, was mich fasziniert, was mir Ruhe und zugleich eine Sehnsucht nach jenem Nebel in einer Zwischenwelt verschafft, in den ich mich flüchten, in dem ich mich verlieren kann. Wer ahnte, dass man solche Zwischenwelten auch in Gedichten finden kann.
Charlotte, danke.



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