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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Augustinus: Bekenntnisse

“Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid, vielmehr ziehet an den Herrn Jesus Christus und pfleget nicht des Fleisches in seinen Lüsten.“

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Augustinus: Bekenntnisse

Die Autobiografie des Augustinus gehört zweifellos zu den faszinierendsten und einflussreichsten Büchern, die je geschrieben wurden. Auch 1.600 Jahre nach ihrer Entstehung hinterlässt die schonungslose Selbstanklage, effektvolle Eigentherapie, öffentliche Beichte, philosophische Welterkundung und religiöse Entdeckungsreise noch immer tiefe Spuren in ihren Lesern.
Das ungebrochene Interesse an den „Confessiones“ hängt mit der ungewöhnlichen Erzählperspektive, der fesselnden sprachlichen Gestaltung und sicher auch mit der eigentlichen Zielrichtung des rund 500 Seiten umfassenden Werkes zusammen. Denn Augustinus bemüht sich zwar mit viel Geist und Esprit um theologische Feinheiten, doch ganz besonders geht es ihm um eine unbedingte, jeden Winkel der eigenen Existenz ausleuchtende Selbsterfahrung. Die oben zitierte Bibelstelle, die das berühmte Bekehrungserlebnis im 8. Buch zu vollenden scheint, wirkt deshalb erstaunlich blass vor dem Hintergrund des schier übermenschlichen Kampfes, den Augustinus um die Liebe seines Gottes und gegen das eigene sinnliche Begehren führt.
Seine wortgewaltige Rede vor Gott und der Welt offenbart freilich auch die Schattenseiten einer so dramatischen Lebenswende: Sobald sich der fleischeslustige Augustinus in den asketischen Kirchenvater verwandelt, vollzieht er gleichzeitig eine radikale Abkehr von jeder Form der Sinnlichkeit, nahezu allen Künsten und Wissenschaften und bisweilen auch der Menschlichkeit, wenn er etwa Gewalt als legitimes Mittel rechtfertigt, um Häretiker wieder in den Schoß des rechten Glaubens zurückzuführen. Doch all diese Bemühungen sind nicht immer von Erfolg gekrönt: „Aber in meinem Gedächtnis, von dem ich so viel gesprochen, da sind lebendig noch die Bilder von solchen Dingen, die meine Gewohnheit dort befestigt hat. Sie drängen sich im Wachen, freilich ohne Kraft, heran, im Schlafe aber wird daraus ein Wohlgefallen, mehr noch, schon ein Ja und Tun so ganz nach ihresgleichen.“
Genau an dieser Stelle zeigt sich, warum Augustinus für seine Kirche auch heute noch von überragender Bedeutung sein kann: Schließlich hat sie die einzigartige Chance, von einem Mann, der im Jahr 430 in Nordafrika gestorben ist, die Fähigkeit zur aufrichtigen, selbstkritischen Bestandsaufnahme des eigenen Fühlens, Denkens und Handelns zu lernen.

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