| Es beginnt mit der Ankündigung „metallisch klingt der Morgen auf“ und endet mit der letzten Zeile des Ernst Jandl gewidmeten Gedichts „unter Bäumen Tränenmorgen“, die da lautet „schweigend ohne mich“. Endet vorläufig, denn das voluminöse, mehr als 800 Seiten umfassende Buch bilanziert selbstredend noch nicht das Lebenswerk der Friederike Mayröcker in all seinen Facetten, sondern – aus Anlass ihres 80. Geburtstages – „nur“ die Gedichte, die zwischen 1939 und 2003 entstanden und von der Autorin für diese Ausgabe in bis dato letztgültiger Form autorisiert worden sind. Im Ergebnis handelt es sich um rund 1.000 Texte, da neben sämtlichen bereits publizierten Gedichten auch über 100 bislang unveröffentlichte aufgenommen wurden.
Mayröckers Lyrik, die hier in chronologischer Reihenfolge präsentiert wird, dokumentiert einerseits die sprachschöpferische Kraft einer der bedeutendsten Dichterinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Darüber hinaus vermittelt die voluminöse Hommage einen großartigen Einblick in die thematische und stilistische Wandlungsfähigkeit einer Gattung, die sich auf das Inventar einer Jahrtausende alten Tradition verlassen kann und gleichzeitig von Kunst und Wirklichkeit vor immer neue Herausforderungen gestellt wird. Mayröcker hat sich ihnen über 60 Jahre lang mit unerschöpflicher Phantasie und nie erlahmender Experimentierfreude gestellt. Bleibt also nur zu hoffen, dass sie in dem 1985 entstandenen Gedicht „doppelter Wipfel in R.“ nicht insgeheim ihr Verhältnis zu den nachdichtenden Generationen beschrieben hat:
"daß wir vorüberkamen, löste ihnen die Zunge
stumm wie von Stein und Greisinnen saszen sie zu fünft zusammengedrängt auf der Holzbank vor der gemähten Wiese :
so sind wir sehr und nicht nur ihrer Augen Beute geworden
Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte, Suhrkamp, 27,80 €
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