| Der schon von antiken Denkern anvisierte Philosophenkönig hat nie wirklich Gestalt angenommen, doch immerhin kann die europäische Geistesgeschichte einen faszinierenden Meinungs- und Schlagabtausch vorweisen, der Thron und Studierstube in einem jahrzehntelangen Dialog verband. Von 1736 bis 1778 schrieben sich der preußische König Friedrich II, genannt der Große, und der französische Dichter-Philosoph Voltaire viele hundert Briefe, von denen 245 jetzt in einer sorgfältig übersetzten und sachkundig kommentierten Taschenbuchausgabe von Hans Pleschinski erschienen sind. Der Stil der Schriftstücke ist mitunter gewöhnungsbedürftig, wie etwa Voltaires Begrüßung im April 1740: „Monseigneur, der Gedanke an Sie erfüllt mich Tag und Nacht. Ich träume von meinem Prinzen, wie man von seiner Geliebten träumt.“ Doch das über 600 Seiten umfassende Buch beschränkt sich keineswegs auf gegenseitige Sympathiebekundungen. Viele Briefe verraten überraschende persönliche Ansichten, politische Einschätzungen und skurrile Vorurteile, so etwa Friedrichs abstruse Behauptung, Schlesien sei „das dümmste Land, das mir je untergekommen ist“, da hier die ärztliche Anweisung befolgt werde, „dass man das Denken fahren lasse, um als Fremder mit den Einheimischen eine Einheit zu bilden.“
Überdies fassen sich die Briefpartner keineswegs nur mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen an. Friedrich nörgelt 1752 über eine Werkausgabe Voltaires: „Man hat den Eindruck, es handle sich um die Kirchenlieder Luthers, und was die Aufteilung angeht, so ist alles Kraut und Rüben.“ Auf der anderen Seite erinnert Voltaire den als „Aderlasser der Nationen“ gerügten Kriegsherrn daran, „das der Große Kurfürst, Ihr Ahnherr, nicht weniger geachtet wurde, nur weil er einige seiner Eroberungen wieder herausgegeben hatte.“ Die ebenso raffinierten wie formvollendeten Philosophenbriefe entsprechen exakt der Mitteilung, die Voltaire am 20. Oktober 1757 dem Bankier Tronchin zukommen ließ: „Es ist höchst erstaunlich, dass der König von Preußen an mich schreibt und dass ich womöglich der einzige Mensch bin, den er in eine Lage bringt, mit ihm so zu sprechen, wie man keineswegs mit Königen redet.“ Die revidierte Neuausgabe des berühmten Briefwechsels zweier selbsternannter Aufklärer gehört zweifellos zu den lesenswertesten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs.
Voltaire – Friedrich der Große. Briefwechsel, dtv, 14,50 €
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