| Nachdem Nabucco die Hebräer mit Krieg und Gewalt überzogen hat, stößt der selbsternannte Gott im Machtkampf mit der noch skrupelloseren Ziehtochter Abigaille an seine Grenzen. Plötzlich steht er allein auf der Bühne. Das Volk hat seine Sympathien neu verteilt, die Insignien der Herrschaft liegen wohlverwahrt in einer Glasvitrine, und so bleibt Nabucco, der früher die Welt als Spielball betrachtete, nur ein hölzernes Kindertheater, um seinen Tatendrang zu befriedigen.
Günter Krämer ist kein Freund der großen Gesten und lässt sich folgerichtig nicht einmal von Verdis „Nabucco“ zu einer Kostümschlacht herausfordern. Stattdessen hat er in der Wiener Staatsoper ein feinnerviges Kammerspiel inszeniert, das erst den Verlust von Liebe und Zuwendung in ziellose Aggression und politischen Ehrgeiz umschlagen lässt. Verdis aufregender Klassiker, der sich unter der Hand weniger begabter Regisseure langsam aber sicher in einen aufgedunsenen Opern-Kadaver verwandelt hatte, gewinnt so neue Frische und Vitalität. Bisweilen erliegt zwar auch Krämers Inszenierung dem Fluch der Konvention, und er vertraut vielleicht ein wenig zu oft auf die Selbstheilungskräfte der Bühne. Doch das Publikum bekommt schließlich auch von musikalischer Seite Herausragendes geboten. Den großartig disponierten, viel beschäftigten Chor (Ernst Dunshirn) leitet Fabio Luisi ebenso energiegeladen und präzise wie das fulminant aufspielende Orchester der Wiener Staatsoper.
Leo Nucci ist die Titelrolle mitten auf die phänomenalen Stimmbänder geschrieben, und Maria Guleghina kompensiert den Umstand, dass sie vermutlich keine Jahrhundert-Schauspielerin mehr wird, mit einem furiosen Auftritt und entfesselten Spitzentönen. Durch die wunderbare Marina Domashenko (Fenena) und die lebendigen Auftritte von Miroslav Dvorský (Ismaele) und Giacomo Prestia (Zaccaria) kommen auch die weiteren Rollen ideal zur Geltung.
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