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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Francis Poulenc: Les Dialogues des Carmelites

In Lorenzo Fioronis Neuinszenierung von Francis Poulencs einziger abendfüllender Oper, die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, mutiert die Hinrichtung der Karmelitinnen von Compiègne zum Highlight einer Guillotinen-Messe. Während das Fachpublikum zwischen den neuesten Modellen schnell noch ein paar Fotos fürs Familienalbum schießt, gibt der Kerkermeister seine mörderischen Kommandos, bis auch das letzte „Salve Regina“ verklungen ist.

thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Lorenzo Fioronis Neuinszenierung von Francis Poulencs einziger abendfüllender Oper

Die Beseitigung der Andersdenkenden ist für die bürgerliche Gesellschaft offenbar nicht nur ein Routineakt der Selbstbestätigung, sondern längst eine echte Herzensangelegenheit geworden. Ihren devoten, den Widerstand ausdrücklich verweigernden Opfern wird die begehrte Märtyrerkrone gleichwohl vorenthalten. Im stilisierten Bühnenraum von Paul Zoller, der vor der aufrüttelnden Schlussszene eine zwielichtige Modellagentur, aber auch ein Wartezimmer für angehende Sektenmitglieder vorstellen könnte, drängt sich die Frage auf, was jede(r) Einzelne für seinen Glauben und seine Überzeugungen zu opfern bereit ist. Hier mag das Publikum die Grenzbereiche von Vernunft, Toleranz und Solidarität dann ebenso ungeduldig ausloten wie zu Zeiten der Französischen Revolution, als 16 Nonnen an einem unscheinbaren Julitag im Jahr 1794 von einer zum "höchsten Wesen" erklärten Vernunft ermordet wurden.

Fioroni orientiert sich provozierend exakt an der Forderung Gertrud von Le Forts, die mit Blick auf ihre der Oper zugrunde liegende Novelle angemerkt hatte, das Historische sei „nur Gewand für ein sehr aktuelles Problem“. Sein gut durchdachtes, in schlüssiger Bildästhetik vermitteltes Konzept wird in Osnabrück von einem homogenen Ensemble getragen, aus dem Natalia Atamanchuk (Blanche), Kristine Larissa Funkhauser (Mutter Marie) sowie die Priorinnen Suzanne McLeod und Karen Fergurson herausragen. Das Osnabrücker Symphonieorchester macht unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Hermann Bäumer den gewohnt präsenten Eindruck, könnte hier und da aber noch an den dynamischen Abstufen der fein ziselierten Partitur feilen.

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